ATTERSEE 2001
Neues zur neolithischen Pfahlbaustation Kammerl/Attersee
(von Rupert Breitwieser und Christian Stradal)
Die Existenz einer seit Jahrtausenden bestehenden Kulturlandschaft im Bereich des Attersees wird durch zahlreiche Einzelfunde und Siedlungsspuren aus allen bekannten historischen Epochen belegt. Die Artefakte konzentrieren sich dabei nicht nur auf die Uferregionen und die Umgebung des Sees, sondern auch auf diesen selbst und nicht zuletzt auf die unter der Wasseroberfläche befindlichen Bereiche.
Die wissenschaftliche Aufnahme und Erforschung der Pfahlbausiedlungen im Attersee begann schon im 19. Jahrhundert, wo man im August 1870 an dessen Nordende, im Gemeindegebiet Seewalchens, den ersten Pfahlbau Oberösterreichs entdeckte.[1] Nur wenig später, im Sommer 1871, entdeckten der aus Nidau am Bielersee stammende Fischer Hensli (Hans) Kopp und der Schiffsmeister Bachler aus Kammer die in einer schwach ausgeprägten Bucht vor der ehemaligen “Villa Reiter” (Parzelle 206/8) gelegene Pfahlbaustation Kammerl (Abb. 1).[2]

Abb 1: ÖK 1:50000: Bl 48
(Mondsee) u. Bl 49 (Gmunden): entnommen aus: K. Czech. Bestandsaufnahme des Unterwasserkulturerbes in den Salzkammergutseen. 9. Bericht. FÖ 23 (1984) 25- 29; Ergänzungen von Christian Stradal .
Laut Josef Szombathy, damaliger Kustos am Naturhistorischen Museum in Wien, reicht der Pfahlbau Kammerl ”[3]von den südlichsten Villen bis zu dem von der Mitterleiten herabkommenden Bach, wo eine Gruppe von Piloten steht”.[4] Szombathy war von Theodor Wang, einem Raubgräber und Heimatforscher, auf diesen Pfahlbau aufmerksam gemacht worden. Unter der Führung Wangs besichtigten sie im Juli 1904 die Pfahlbaustationen Attersee, Kammerl und Seewalchen sowie das Moor von Gerlham.[5] Von Berufs wegen war Wang eigentlich Sandfischer und Seefrächter, aber mit dem Verkauf der von ihm Zeit seines Lebens aus dem Bereich der Pfahlbauten geplünderten Fundstücke konnte er sein reguläres Einkommen mehr als verdoppeln. Mit Hilfe eines speziellen Bergegerätes holte er die Funde aus der Tiefe, wobei allerdings das Fundmaterial stark beschädigt wurde.[6] Auch aus dem Bereich des Pfahlbaues von Kammerl konnte er so neben Keramikfragmenten ein Bronzebeil, mehrere Lochäxte und 40 bis 50 Flachbeile auftauchen.
Das Interesse an der eigenen Vergangenheit wuchs um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert immer mehr, was in der Gründung zahlreicher Heimatvereine und Historischer Gesellschaften ihren Ausdruck fand. So entschloss sich der Verein “Deutsche Heimat” im Jahre 1910 einen Pfahlbau zu rekonstruieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[7] Als idealer Platz wurde der “Sturmwinkel”, eine kleine Bucht im Ortsgebiet vom Kammerl, am Südrand der Parzelle 206/12 ausgewählt. Mit Unterstützung des Oberösterreichischen Landesmuseums wurden, dem damaligen Forschungsstand entsprechend, auf einer von 329 Piloten getragenen Plattform zwei größere (5,8 x 5,1 m Seitenlänge) und drei kleinere (4,7 x 3,75 m Seitenlänge) Hütten errichtet (Abb. 2).
Abb 2: Die 1910 errichtete Pfahlbaurekonstruktion in der Bucht "Sturmwinkel".
Drei Hütten hatten Flechtwände, zwei waren Blockbauten. Ihre Dächer waren mit Schilf gedeckt. Die Verbindung zum Festland erfolgte über einen 40m langen und 1,5 m breiten Steg aus Knüppelholz. F. Lösch aus Schörfling übernahm die technische Ausführung und fertigte einen Grundrissplan an. Am 14. August 1910 wurde dieses erste Oberösterreichische Freilichtmuseum feierlich eröffnet. Trotz großer Aufmachung in zahlreichen in- und ausländischen Zeitungen und anfänglich großer Besucherzahlen war dem Museumsprojekt, auf Grund der für damals völlig ungewohnten musealen Konzeption, aber auch wegen der politischen Situation kein nachhaltiger Erfolg beschieden. Schon während des 1. Weltkrieges verfiel das Pfahlbaudorf zusehends und durfte nur mehr auf eigene Gefahr betreten werden. Schließlich wurde das ganze Gelände von einer Filmgesellschaft gekauft. Diese ließ das Pfahlbaudorf für den 1922 entstandenen Monumentalfilm "Sterbende Völker" in Flammen aufgehen.[8]
Auch danach blieb die Pfahlbaustation Kammerl ein lohnendes Ziel für Raubgräber, wie zahlreiche Funde in diversen Heimatmuseen und Privatsammlungen belegen. Die letzte Betauchung samt wissenschaftlicher Dokumentation fand 1994 durch R. Gotsleben statt.[9] Sein Augenmerk konzentrierte sich auf den südöstlichen Ausläufer der Station. Dabei fand er neben abgebrannten Resten der modernen Pfahlbaurekonstuktion neolithische Keramik und Pfähle der jungsteinzeitlichen Siedlung. Auch wurden von ihm bereits erhebliche Schädigungen der Kulturschicht durch schleifende Ketten von Ankerbojen festgestellt.
Um die Situation abzuklären und den aktuellen Zustand dieses Bodendenkmals zu analysieren, wurden im Frühjahr 2000, auf Initiative und unter Mithilfe des "Vereines für Heimatforschung und Urgeschichte"[10] in Schörfling, durch vier Taucher der Österreichischen Gesellschaft für Feuchtboden- und Unterwasserarchäologie triton mehrere Prospektionstauchgänge durchgeführt. Der abgesuchte Bereich erstreckte sich vom öffentlichen Badeplatz (Parzelle 1792/19) in Richtung Schloss Kammer, vor den Parzellen 242/2, 206/1 und 243 (Abb. 3).
Abb 3: Plan der Prospektionstauchgänge.
Dort konnte, etwa 30 m vom Ufer entfernt, ein kleines Pfahlfeld wiederentdeckt und neolithische Keramik geborgen werden (Abb. 4). Die Lage dieses Fundplatzes entspricht genau der bei K. Willvonseder beschriebenen Lokalisation der neolithischen Pfahlbaustation Kammerl.[11] Auch die verkohlten Reste der Pfahlbaurekonstruktion wurden angetroffen.
Im gesamten abgesuchten Bereich wurden auch zahlreiche nicht mehr benutzte, im Seegrund versunkene Bojenfundamente gesichtet.
Da sich der Bericht R. Gotslebens sehr stark von der beobachteten Situation unterschied, wurde eine viertägige Kampagne zur genaueren Untersuchung initiiert. Auch sollten flächig Bohrproben entnommen werden um die tatsächliche Ausdehnung der Pfahlbausiedlung und eventuelle Kulturschichten festzustellen. Die mehrtägige Aktion wurde Ende November 2000 unter Leitung des Institutes für Alte Geschichte der Universität Salzburg von Tauchern der Österreichischen Gesellschaft für Feuchtboden- und Unterwasserarchäologie triton durchgeführt. Finanziert wurde die Kampagne, die sich wieder großer Unterstützung durch den ?Verein für Heimatforschung und Urgeschichte? in Schörfling erfreute, durch die Gemeinde Schörfling, dem wir dafür zu Dank verpflichtet sind..
Um eine optimale Verteilung der Bohrproben zu erreichen, wurde eine 80 m lange Basislinie parallel zum Ufer gelegt und durch fünf, jeweils 20 m auseinander liegende Bojen markiert (A/0, B/0,... E/0). Von diesen Punkten ausgehend, wurde in Richtung Seemitte alle 10 m eine Bohrprobe entnommen (A/0 bis A/40). Für die Probenentnahme dienten 1,5 m beziehungsweise 2 m lange Rohre aus Acrylglas, die einen inneren Durchmesser von 6 cm und 7 cm aufwiesen. Nach 40 m wurden ebenfalls Bojen gesetzt, die gemeinsam mit den zuerst gesetzten Bojen geodätisch eingemessen wurden (Abb. 4).[12]
Abb 4: Bohrprobenplan.
Im Zehnmeterbereich konnten noch keine Proben entnommen werden, da 40 cm bis 60 cm unter dem Seegrund befindliche Schotterablagerungen ein tieferes Eindringen verhinderten. Erst ab 20 m Entfernung von der Grundlinie war eine zur Beprobung genügende Sedimenttiefe vorhanden. Die gezogenen Proben wurden an Land gebracht und im Maßstab 1:5 abgezeichnet.[13] Zur späteren Weiterbearbeitung wurden die Proben fotografiert, die Sedimente ausgeschwemmt und das dabei gewonnene organische Material für weitere paläobotanischen Untersuchungen aufbewahrt .[14]
Im Bereich B20/- B 30 wurden mehrere Pfahlsetzungen näher untersucht, die bereits von den Prospektionstauchgängen her bekannt waren. Zwei eingemessene Pfähle wurden für eine xylodonische Untersuchung abgesägt, erwiesen sich aber als nicht aussagekräftig genug für eine sichere Ansprache. Weiter verfolgenswert erschien das Vorhandensein von massiven Holzresten in zahlreichen Bohrproben (A/20, B/30, C/20, D/20, D/30), die einer C14 Datierung zugeführt wurden.
Die von Institut für Isotopenforschung und Kernphysik durchgeführte Analyse (Labornummer VERA 1766) erbrachte ein Datum von von 4900 +-40, kalibriert 3770 BC (95,4%) 3630 BC.
Das nur in sehr geringen Mengen vorhandene botanische Material ließ sich chronologisch nicht genauer eingrenzen. Denn sowohl untersuchte Brom-/ Him- /Kratzbeere (Rubus sp.), Apfel/ Birne (Pyrus/ Malus) (beide C/20) als auch Haselnuß (Corylus avellana) (D/20) sind bereits seit dem frühen Neolithikum in unseren Breiten bekannt.
Während bei den Prospektionstauchgängen im Frühjahr noch größere neolithische Keramikfragmente vorgefunden wurden, konnten im Herbst nur mehr vereinzelte kleine Bruchstücke angetroffen werden.
Insgesamt muss der Zustand dieses Bodendenkmals als sehr schlecht bezeichnet werden. Die Kulturschicht im Bereich des Pfahlbaues ist weitestgehend zerstört, wie die Prospektionstauchgänge und die Bohrprobenentnahmen deutlich belegen.[15]
Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Genauso wie die am Trockenen gelegenen Fundstellen sind die Fundplätze unter Wasser permanenten Gefahren ausgesetzt, die von durch geänderte Strömungsverhältnisse hervorgerufener Erosion[16], Verwirbelungen beziehungsweise Freilegungen des Sedimentes durch Schiffsschrauben bis zur Plünderung durch Sporttaucher reichen. Die größte Bedrohung für archäologische Relikte jeder Art stellt jedoch die Setzung von Ankerbojen dar. Berichtete R. Gotsleben von "ca 10- 15 Bojen", so kannten im Frühjahr 2000 25 Bojen ober Wasser gezählt werden. Unter Wasser liegen noch zahlreiche, nicht mehr benutzte Verankerungen. Ihre zentnerschweren Betonfundamente durchschlagen die Kulturschicht, sinken im Laufe der Zeit immer tiefer ins Sediment und zermalmen es. Die aus schweren Metallgliedern gefertigten Bojenketten liegen bis zu einer Länge von 5 m (!) ebenfalls auf der Fundschicht auf. Bei stärkerem Wellengang schleift diese Kette auf dem Boden und zerstört so die weitere Umgebung. Bis zu 2m tiefe und im Radius 5m große, trichterförmige Löcher sind dabei keine Seltenheit. Eine einfache, im Zürichsee erfolgreich eingesetzte Methode gegen zu lange Bojenketten stellen schwimmende Bojen dar, die die Kette soweit hochheben, daß sie nicht mehr am Boden aufliegen.[17]
Die Pfahlbaustation Kammerl ist leider kein Einzelfall, sondern symptomatisch für den Zustand der Unterwasserdenkmäler in Österreich. Die Verhängung von Tauchverboten reicht zur Rettung dieses so bedeutsamen Kulturerbes nicht aus. Denkmalschutz kann nicht an der Wasseroberfläche enden. Die zuständigen Behörden und wissenschaftliche Institutionen müssen sich ihrer Verpflichtungen bewusst werden und eine unterwasserarchäologische Forschung in Österreich ermöglichen. Projekte zur wissenschaftlichen Aufnahme und Konservierung dieser für die Kenntnis unserer Geschichte unverzichtbaren Denkmäler sind umgehend zu realisieren.
Wie eine erfolgreiche unterwasserarchäologische Forschung etabliert werden kann, die breites Ansehen in der Öffentlichkeit genießt und auch finanziell durch Fördertöpfe unterschiedlichster Art abgesichert ist, sieht man exemplarisch an unseren Nachbarländern Schweiz und Deutschland.
Anmerkungen: ^
1.) K. Willvonseder, Die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Pfahlbauten des Attersees in Oberösterreich, MPK XI-XII (Wien 1963-68), 12, 87 ff.
2.) Der Bielersee war eines der Zentren der damals führenden Schweizer Pfahlbauforschung, die im Winter 1853/54 mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Pfahlbaustation Obermeilen am Zürichsee durch F. Keller ihren Anfang genommen hatte (F. Keller, Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen. Pfahlbauten. Erster Bericht, Mitteil. der antiquarischen Gesellschaft in Zürich IX, 1854; vgl. Willvonseder a.O. 12.).
3.) Willvonseder a.O., 105.
4.) Bericht von J. Szombathy über seinen “Ausflug nach Seewalchen” am 13. Juli 1904 (Tagebuch, Heft 11, 1904, 18-21; vgl. Willvonseder a.O., Anm. 470).
5.) Willvonseder a.O., 31.
6.) Willvonseder a.O., 45.
7.) Willvonseder a.O., 47 ff.
8.) Eine letzte Kopie dieses Kinofilmes existiert heute noch im russischen Filmarchiv in Moskau.
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9.) R. Gotsleben, FÖ 33, 1994, 502 f.
10.) Besonders sei hier dem Kustos des Heimathauses Schörfling, Herrn August Mayer, gedankt.
11.) Willvonseder a.O., 105.
12.) Die Vermessung wurde von Ing. Kohl aus Schörfling durchgeführ
t.
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13.) Da die Proben im Rohr gestaucht werden, liegt hier keine 1:1 Abbildung des Seegrundes vor.
14.) Diese wurden von Frau Dr. Thannheiser (Inst. f. Botanik) in unbürokratischer Weise verbunden mit hilfreichen Erläuterungen durchgeführt. Ihr gebührt dafür unser herzlicher Dank.
15.) Bei der Auswertung der Proben konnte rasch festgestellt werden, dass sich keinerlei Reste von echten Kulturschichten in den Rohren fanden. Kulturschichten sind zumeist dunkle bis schwarze Schichten mit einer auffälligen Anhäufung von organischen Materialien, die auf menschliches Dasein zurückzuführen sind (Früchte, Kerne, pflanzliche Reste, ...).
16.) Die Anlage von Ringkanalisationen, die Verlegung von Rohren und Leitungen oder die Aufschüttung und Befestigung von auch weit entfernten Uferbereichen sowie die künstliche Anhebung beziehungsweise Absenkung des Wasserspiegels führen unweigerlich zu veränderten Strömungsverhältnissen.
17.) B. Eberschweiler, Bojenketten, Sporttaucher und Glockenbecher: Vielfältige Aufgaben für die Zürcher Tauchequipe, Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie 4 (1998), 21ff.
R.B. & C.S.)